
NERV 2.0
1. September 2008Die verschiedenen Auswüchse der WEB 2.0 Welle gehen mir (und vielen anderen wohl auch) langsam aber sicher gewaltig auf die Nerven.
Nicht dass ich gleich das Kind mit dem Bade ausschütten möcht, aber wenn ich auf MySpace laufend von 20-jährigen Mädels zum Besuch ihrer freizügigen Cam-Shows aufgefordert werde, mir ein Grazer Stadtpolitiker anlässlich der bevor stehenden Wahl hinterher twittert um mir mitzuteilen, dass er grad daheim sitzt und vorher mit seiner Tochter am Ritterfest herumgealbert hat oder eine völlig idiotische Star Wars Resynchronisationen mit brechstangenwitzigem Text vom ZDF gefeatured wird und in einer Woche 2 Millionen Views bekommt, dann geht das doch irgendwie an der Idee des Ganzen vorbei.
Für mich halt.
Ich will ja niemandem vorschreiben, was Social Networks denn so sein sollen oder nicht sein sollen, aber wenn ich es in meiner Wahrnehmung knapp nach den Spammern einordnen muss, dann beginnt es mich zu demotivieren. Ich verlier ein wenig die Begeisterung, wenn laufend geballter Schwachsinn auf mich niederprasselt nur weil es gerade hip ist, zu posten.
Die Subtilität rasselt in den Keller und aus dem ursprünglichen Vernetzungsgedanken wird millionenfaches vor sich hin broadcasting weil jeder dem Zwang unterliegt, seine Ergüsse digitalvirtualsocialized raus zu würgen.
Weniger Information und mehr Inhalt fände ich inspirierender.
Ich hoffe, dieser Satz trägt ein wenig zur Aufklärung der handelsüblichen Irrtümer und Fehlinterpretationen über Information und Inhalt bei. Zumindest zum Nachdenken darüber.
“We are overinformed but underknowledged” könnte man sinnigerweise diagnostizieren.
Aber das schlimmste an der ganzen Sache sind oft nicht die Beiträge selbst, sondern die Kommentare dazu. Ist Ihnen das auch schon mal passiert, dass sie in einem öffentlichen Verkehrsmittel sitzen und gleich daneben unterhalten sich Leute in extrem störender Lautstärke und in völliger Verleugnung jeglicher Intelligenz über ein absolut banales Thema als hinge der Weltfrieden davon ab? Genauso lesen sich die Kommentare. Ich bleibe beim Star Wars Beispiel und empfehle zu Studienzwecken
http://www.youtube.com/watch?v=uF2djJcPO2A
Es gibt so viel wahnsinnig Kreatives, Intelligentes und Spannendes in den Social Networks, dass ich den Mund oft stundenlang nicht zu bekomme aber wenn zunehmend das Niveau von “Busted”, “Dismissed” oder “Pimp My Car” Einzug hält, macht sich Übelkeit breit.
BEITRAGEN kann ruhig ein wenig mehr sein, als Belangloses vom Fußballplatz, finden sie nicht auch? Leider muss man zudem auch feststellen, dass diejenigen, die wirklich was zum Thema zu sagen hätten, sich oft ob dieser Flut an Stuss vornehm zurück halten und lieber den eigenen Blog bedienen (ich selbst mache hier keine Ausnahme).
Wenn der Trend anhält, werden wir das virale Marketing bald in triviales Marketing umbenennen dürfen und den Oliver Pochers dieser Welt zum hundertsten Mal belangloses Geschwätz vergolden.
Egal, die Hoffnung stirbt zu Letzt…
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Veröffentlicht in Emotional-Marketing, Web 2.0 | Getaggt mit Blog, Marketing, MySpace, Star Wars, Twitter, virales Marketing, WEB 2.0, YouTube |
Gender Mainstreaming
T.U.B
>>Die Subtilität rasselt in den Keller und aus dem ursprünglichen Vernetzungsgedanken wird millionenfaches …<>aber wenn ich auf MySpace laufend von 20-jährigen Mädels zum Besuch ihrer freizügigen Cam-Shows aufgefordert werde,<<
))
tja, damit wird ein ausgewachsener mann dann halt umgehen lernen müssen
yours!
der nämliche
jo mei,
es überfordert mich ja nicht und wenn nicht letztklassige abzocker-porno-services dahinter stehen würden, hätt es eh unterhaltungswert.
Gefällt dir das, wenn du in deinem geliebten Gleisdorf durch die straßen flanierst und alle paar minuten hupft wer aus einer einfahrt raus und reibt dir eine werbung für einen buschenschank unter die nase, den du eh seit jahren kennst?
Ich weiß eh, die welt ist halt so und ich entwickle deshalb keine missionarischen ambitionen. Aber ausdrücken, dass ich es fad und wenig erbaulich finde, darf ich doch, oder?
es scheint halt so zu ein:
was immer im web OFFEN zugänglich ist, wird recht bald von spammern überrannt.
ich vermute:
dagegen ist letztlich kein teschnisches mittel vorhanden.
oder ercheint es machbar/sinnvoll, daß eventuell jede eingehende antwort erst von jemandem händisch freigegeben werden muß?
wäre das ein praktikables mittel?
)
m.
wenn du spammen mit “ich will mein blabla auch loswerden” gleich setzt, stimme ich dir zu.
Ich kann die kommentare eh so einstellen, dass ich sie freigeben muss. Aber versuch das mal bei 1000 kommentaren…
*wenn du spammen mit “ich will mein blabla auch loswerden” gleich setzt, stimme ich dir zu. Ich kann die kommentare eh so einstellen, dass ich sie freigeben muss.*
ja, so meine ich es.
*Aber versuch das mal bei 1000 kommentaren…*
was uns also drauf hinstößt:
diese permanetne gefahr des niveau-abrutschens, die du oben ansprichst, läßt sich offenbar nur im bereich von “aktiver anwesenheit” und augenmaß halbwegs im zaum halten.
es hat offenbar mit DIMENSIONEN einer community zu tun.
und mutmaßlich auch mit möglichkeiten, eine “netiquette” zu etablieren.
)
m.
Netiquette ist was anachronistisches und bestenfalls so eine art altlast aus zeiten, deren grundsätzlicher systemischer ansatz jener der regulierung und normierung war.
Leider sind ja auch noch wesentliche strukturen unseres täglichen lebens von dieser sichtweise geprägt – insbesondere die politik. Wie sehr die lücke zwischen den politischen modellen und dem selbstverständnis der realen gesellschaft klafft, siehst du u.a. am aktuellen wahlkampf.
Aber bevor sich daraus wieder ein la pour la diskurs über rahmenbedingungen des künstlereischen vegetativums ergibt, bleiben wir doch lieber mal bei der realität der 2.0 blase.
Meine these ist: Die sache ist ja noch blutjung und im laufe der zeit wird sich durch autoregulation selbst ein geeigneter betriebspunkt einstellen. Im falle großer services wie youtube u.ä. wird es vermutlich auch mehrere oder gleitende betriebspunkte geben und damit könnte das vereinfacht betrachtet sowas werden wie ein natürliches sich verdichten auf ein paar niveaus. Je nach präferenzen werden die leute halt primär nur einen kleinen ausschnitt aller vorhandenen niveaus nutzen.
Ich seh das abrutschen nicht als gefahr. Da müssen dinge ja rutschen, damit man überhaupt die relationen wahrnehmen kann. Es ist a bisserl wie in der teilchenphysik: Ich brauch eine wechselwirkung damit ich eine wahrnehmung erziele, die dann rückschlüsse zulässt.
Erst aus der reaktion kann das gebotene sich weiter entwickeln und daraus entwickeln sich auch wieder andere (komplexere) reaktionen.
Und wahrnehmbar ist ja immer nur der unterschied.
*Aber bevor sich daraus wieder ein la pour la diskurs über rahmenbedingungen des künstlereischen vegetativums ergibt,*
ohjeohje! so reklamiert man halt definitionshoheit. wodurch eigentlich ein anregender dialog zu ende wäre.
*des künstlereischen vegetativums*
und was richtet der unternehmer so dem künstler aus?
etwa: “ich bin der könig der welt”?
*Ich seh das abrutschen nicht als gefahr. *
pardon! den aspekt hast ja DU eingeführt: *Die Subtilität rasselt in den Keller …*
was hab ich nun von dir erfahren?
a) technische kontrolle ist eigentlich nicht machbar.
b) netiquette ist antiquiert.
okay, dann brauchts eigentlich eh nur das technische equipment, die community wird sich selber regulieren.
das ist auch mit sicherheit meinem 16jährigen sohn am liebsten, für den myspace das ist, was für mich mein kübel kaffee pro tag ist.
*Meine these ist: Die sache ist ja noch blutjung und im laufe der zeit wird sich durch autoregulation selbst ein geeigneter betriebspunkt einstellen.*
)
na, eh cool. also was diskutier ma da noch …
m.
Ein mmn. fruchtbarer diskurs entsteht, wenn mehr als eine person zu einem thema gedanken abgleichen. Setzt voraus, dass man zumindest das thema gemeinsam hat und rahmenbedingungen sind für mich nix, worüber ich diskutieren mag, weil sie für mich eben die rahmen sind und nicht objekt meines denkens und handelns.
Ausrichten? Eigentlich nix. Der begriff ist einfach seltsam und irgendwie paradox und drückt natürlich was aus aber das können wir anderswo auswalzen. Hierarchien drückt er jedenfalls keine aus.
@gefahr: nein, sorry, das war deine sichtweise. Ich hab zum einen mal nur die sinkende subtilität reflektiert (was nur sehr wenig über den sehr allgemeinen begriff niveau etwas aussagt) und das als suboptimale entwicklung bewertet ohne dem gleich gefährlichkeit zu etikettieren. Gefährlich werden entwicklungen (egal welche) immer nur dann, wenn kein gegengewicht montiert ist und so ein kleiner beitrag wie der hier liefert halt dann ein paar mikrogramm davon.
@kontrolle: Find ich generell problematisch. Auch kontrolle muss sowas wie balance finden. Unser verhalten neigt dazu, entweder gar nicht oder total zu kontrollieren aber beide extrema führen rasch ans ende. Daher sind in einer community alle angehalten, immer wieder auch ein bisserl orientierungsarbeit zu leisten – das ist meine vorstellung von einem dynamisch sich einstellenden betriebspunkt. Also jeder muss dann hin und wieder auch eine meta-position einnehmen. Ich fänd’s auch nicht zielführend wenn das immer nur bestimmte machen, nur weil sie sich dazu besser eignen, berufen fühlen oder (wie du das siehst) “definitionsmacht” ausüben wollen.
Dazu haben wir in virtual communities aber sehr gute voraussetzungen (viel bessere als im realen leben) weil VCs sind total flach und das hühnerleiter-imperium entsteht erst gar nicht bzw. wirkt nicht rein.
Mei da purzeln mir gleich 10, 20 gedanken durch den kopf, die in dem zusammenhang noch ganz wesentlich sind, aber der blog hier widmet sich eben vor allem dem viralen marketing und dessen umfeld – sprich communities.
Viell. noch eine kleine anmerkung zu der eigenartigen funktionalisierung in deinem kommentar:
Wenn hier wer wem was ausrichtet, dann ich dir oder du mir und nicht ein beruf dem anderen. Wir sind nimmer in den kolchosen der 60er, wo das vielleicht angesagt war noch sind wir in einem typischen wissenschaftler-diskussions-zirkel, wo jeder zuerst seinen impact-count im auge haben muss, bevor er was möglicherweise kritisches sagt.
Meinungen sind einfach erlaubt und drücken keine hackordnung aus.