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Politik und Social Networks

3. Oktober 2008

Österreich durfte letzten Sonntag wieder einen neuen Nationalrat wählen. Das Ergebnis ist ja hinlänglich bekannt.

Durch den Umstand, dass erstmalig auch 16-jährige wählen durften, entstand in den wahlwerbenden Parteien wohl eine Art Zwang, sich diverser Kommunikationskanäle zu bedienen, welche man der Zielgruppe “Jugend” zugeordnet hat. Spitzenkandidaten bloggten, twitterten, chatteten youtube-ten und überschwemmten so manchen mit mails, Greeting-Cards und sonst noch allerlei vermeintlichen Goodies. Manche waren bereits so massiv überviralisiert, dass man den Eindruck bekam, dass es sich um den politischen Gegner handle ;-) , was sich sogar in einigen Plakaten niederschlug.

Es gibt nur eine Bezeichnung für die Art, wie österreichische Parteien mit neuen Medien und besonders neuen Kommunikationsgepflogenheiten umgehen:

ES IST PEINLICH !

Bitte, bitte sofort einstellen. Wenn jemand so eindrucksvoll dokumentiert, wie wenig er in der Welt von heute Fuß fassen kann, sollte er sich nicht um demokratische Legitimation seiner Ahnungslosigkeit bemühen. Ich möchte dem Leser die gesammelten Dämlichkeiten hier ersparen – wen’s interessiert, der möge sich diesen Schrott ergoogeln. Ich möchte hier nur prinzipiell und kurz anreißen, was extrem schief gegangen ist, was für Social Networks unverzichtbar ist und warum sich die aktuelle politische Kultur mit der heutigen Kommunikations- und Sozialkultur spießt.

1. Authentizität

Kaum ein Spitzenpolitiker hat je an seinem Blog selbst geschrieben. Jeder, der es liest und nicht völlig abgestumpft ist, merkt das nach wenigen Sekunden. Die Blogs stecken voller uninteressanter, dümmlicher “ich-weiß-eigentlich-eh-nicht-was-ich-hier-schreiben-soll” Postings, die allesamt aus den Tasten irgendwelcher namenloser Wahlkampfhelfer stammen. Man merkt das Ringen um die Zwanghaftigkeit hier was posten zu müssen, das jemanden dazu bewegen könnte KandidatIn XY “cool” zu finden. Weit und breit nichts, was XY wirklich bewegt, wie der Typ tickt, was ihm Sorgen bereitet, welche Lösungen ihm durch den Kopf gehen. Nichts. Seitenweise nichts sagendes Placebo. Bei den Massen an Schwachsinn bringt nicht mal die Erkenntnis Trost, dass die neuen Entwicklungen zumindest wahr genommen wurden – wurden sie nämlich nicht und noch weniger verstanden. Möglicherweise haben viele Politiker ihre Blogs gar nie gesehen, denn sonst hätten sie sie abgedreht.
Aber es ist eben derzeit nicht politische Kultur etwas selbst und authentisch zu tun. Man lässt tun und steckt sich einen Orden dafür an.

2. Ehrlichkeit

Sehen wir mal davon ab, dass es bereits unehrlich ist, seinen Blog nicht selbst zu schreiben, die Helfer in seinem Namen chatten zu lassen und dgl., gab es in den diversen Foren von Zeitungen und anderen Medien massenweise Auftragspostings, die teilweise extrem geschmacklos den politischen Kontrahenten attackierten. Das ist zwar relativ bald durchschaubar und man weiß schnell, wer hier gedungen ist und wer seine freie Meinung postet, aber allein der Umstand, dass man unter irgendwelchen Nicknames Lügen und Schauergeschichten verbreitet und belegbare Tatsachen gezielt bestreitet, ergibt kein brauchbares Sittenbild von unseren Volksvertretern. Derartiges auch nur in Erwägung zu ziehen und überhaupt dann zuzulassen ist unabhängig vom Unverständnis der Social Networks schlicht würdelos, feige und anti-demokratisch. Wem in der politischen Auseinandersetzung die Argumente ausgehen und dem dann nichts besseres einfällt, als unter einem Pseudonym auf die geschmacklosesete Weise Lügen zu verbreiten, der dokumentiert in den Social Networks seine Unwählbarkeit umso besser. Und auch nachvollziehbarer. Kann man auch bei der nächsten Wahl vermutlich noch nachschlagen.

3. Keule vs. Subtilität

Ein Video auf YouTube mit Parteilogo und “Dein Spitzenkandidat spricht zu dir” Inhalt ist NICHT virales Marketing. Auch ein Schmäh-Video über McCaine nicht, wo dann Obama in den letzten 4 Sekunden seinen Sanktus dazu gibt. Subtilität und politische Agitation sind in der aktuellen Situation der Parteien-dominierten politischen Kultur weitgehend unvereinbar. Virales Marketing arbeitet aber größtenteils über subtil bis unterhaltsam kommunizierte und mit dem Produkt in Verbindung gebrachte Wirkungen und nicht mit gehirnwäscheartiger Wiederholung von Symbolen und Begriffen. “That sucks” würde Obama vielleicht sagen.
Rein systemisch haben wir es hier gleich mit 2 Schwellen zu tun: Zum einen kommuniziert Politik aus Selbstschutz nie seine wahre Wirkung und hat dabei noch keine brauchbaren Ausdrucksformen für Virales gefunden und zum anderen sind Politiker viel zu eitel um im Sinne guter viraler Kommunikation in den Hintergrund treten zu können. Politiker wollen nicht sympathisch sein, sondern staatstragend und respektiert bis gefürchtet werden. Das passt nicht zur notwendigen Selbstironie des viralen Marketings.

4. Hang zur Einfärbigkeit

Das heutige Verständnis von politischer Relevanz ist geprägt von dem Bestreben, die eigene Linie, eigentlich Partei, als den einzig richtigen Weg der Gesellschaft aufzuzwingen. Das steht in natürlichem Gegensatz zur Buntheit und Vielfalt der Social Networks. Der Verlust an Streitkultur und Auseinandersetzungsqualität ist ein grundsätzliches strukturelles Problem der Politik im Allgemeinen und hat wesentlich damit zu tun, dass in den Wohlfahrtsstaaten kaum mehr ideologische Zwischenpositionen übrig geblieben sind und daher entweder virtuelle (weil realpolitisch nicht durchführbare) Extrempositionen bezogen werden oder sich ein krankhafter Verdrängungskampf zwischen historischen Parteien um die gleichen Positionen entwickelt hat.
Die Welt der Social Networks ist im Grunde anarchistisch (in einem sehr konstruktiven und positiven Sinne) und mit der extrem hierarchisch gegliederten Parteienorganisation inkompatibel. Es gibt mMn. ein fast unüberbrückbares Kultur-Verständis Problem, denn Social Networks sind nicht nur einfach Playground für die politischen Spielchen wie die Medien bisher. Social Networks leben und reinigen sich auch selbst.

Meine persönliche Vermutung ist, dass die Politik und vor allem die Parteien sich grundlegend ändern werden müssen, wollen sie nur halbwegs gut in das Bild moderner Social Networks passen. Aber ich weine der aktuellen politischen Kultur keine Träne nach – ist schon ganz gut, wenn sich da etwas ändert. Vielleicht bekommt der Begriff “Politische Verantwortung” dann auch wirklich mal den Charakter von Verantwortung…

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