Mit ‘Social Networks’ getaggte Artikel

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Wasserglas 2.0 – was tun mit so viel Freiraum?

22. März 2010

Am Wochenende wurde diskutiert. Segen und Fluch des Internets bzw. Web 2.0 könnte man titulieren.

Heute im Büro hab ich das Thema auch aufgeworfen und bevor ich alle mit einem Protokoll langweile, möchte ich zuerst ein paar typische Aussagen widergeben und danach ein wenig interpretieren und schlussfolgern.

  1. Eine einzige negative User-Meinung über ein Hotel oder ein Restaurant verunsichert mich bereits. Wenn da 3 positive und eine negative Rezension stehen, beeinflusst mich die negative mehr, als die positiven.
  2. Wenn mich positive Meinungen mehr beeinflussen, als negative, liegt das aber am Umgang mit Meinungen und nicht daran, dass diese Meinungen wo zugänglich sind.
  3. Viele posten anonym und können aus ihrem “Versteck” unbehelligt Schaden anrichten, was sie real nicht tun könnten.
  4. Ich will überhaupt nicht in Social Networks präsent sein. Ich will nicht, dass irgendwer über mich erfahren kann, bei welcher Party ich war, welche Freunde ich hab, welche Interessen usw.
  5. Ich kann aber nicht verhindern, dass Dinge über mich im Internet stehen. Tu ich es selbst, habe ich bessere Kontrolle darüber.
  6. Das Internet ist extrem anfällig für Manipulationen. Da ist persönlicher Willkür Tür und Tor geöffnet und man weiß nie mit welchen Intentionen wer was postet. Dadurch, dass alles öffentlich ist, entsteht der Eindruck von Wahrheit, die aber bestenfalls subjektiv sein kann und in vielen Fällen bestimmte Absichten verfolgt.
  7. Das Internet bietet für jede beliebige Information eine Vielzahl von Quellen und kann daher wesentlich besser zur Objektivierung einer Sache herangezogen werden, als klassische Sende-Medien und oft damit verbundene Medienmonopole.
  8. Ich lese aber sowieso nicht hundert Quellen, sondern maximal 2 oder 3
  9. Ich kann mir aber für jedes beliebige Themengebiet die relevantesten Informationsquellen mit wenigen Klicks aussuchen.
  10. Das interaktive Internet wird unsere gesamte soziale, wirtschaftliche und politische Kommunikation und Struktur ändern. Aussagen und  Versprechen werden überprüfbarer, nachvollziehbarer und authentischer.
  11. Die Fülle an Beiträgen führt zur Übersättigung. Man kann ja eh nicht alles lesen und im Endeffekt pickt man sich eh das heraus, was das bestätigt, das man schon vorher vorgezogen hat.

Eines vorab:
Jede Grundeinstellung hat halt so seine Argumentationslage. Wenn man sich eher zu den Internet-Skeptikern zählt, wird man vorwiegend Gefahrenmomente und Nachteile auf den Tisch legen, fühlt man sich eher Internet-affin, fokussiert man auf Vorteile.
Nur…. das ist nicht nur beim Internet so, sondern bei fast allem im Leben.
Vor 200 Jahren hatten wir ähnliche Diskussionen über die Sinnhaftigkeit des elektrischen Stroms, und vor ein paar Jahrzehnten ähnliches zum Thema Fernsehn.

Ein Blick auf die Bedürfnispyramide liefert einen Hinweis, warum das so sein könnte:
Sicherheit kommt vor den sozialen Bedürfnissen. Sprich: Das Internet als sozialen Erlebnisraum zu nutzen wird ein Individuum erst dann in Betracht ziehen, wenn das Vertrauen darin ausreicht. Misstrauen und Nutzungsverweigerung gehen dabei Hand in Hand und jeder darf sich jetzt selbst die Henne-Ei-Frage beantworten.
Der entscheidende Faktor ist – wie in jedem Bereich – die zu tiefst persönliche Art und Weise, wie mit Neuem, Ungewohntem und Selbstdefinierendem umgegangen wird und hier gibt es eben eher offensiv oder eher defensiv angelegte Leute.

Egal, wohin man tendiert, wir alle haben gelernt, unsere Entscheidungen rational und mit vielen Beispielen belegt zu begründen. Meist sind die Argumente aber nicht die Grundlage der Entscheidung, sondern die Entscheidung ist der Ausgangspunkt ihrer Begründungen. Die wahre Entscheidungsgrundlage bei der Internetnutzung ist meiner Meinung nach der intuitiv vorhandene Vertrauensaspekt.

“Es könnt auch alles ganz anders oder sogar verkehrt herum sein” hat Konrad Lorenz mal über den Erziehungsstil seines Vaters resümiert. Für mich als Internetisten gilt das ganz besonders und gerade die Vielfalt der Quellen und Informationen verpflichtet mich zu kritischer Analyse, zu Vergleichen und zur Prüfung. Ich mach das automatisch, weil es zu meinem Beruf gehört und weil es sich aus der Erfahrung so entwickelt hat. Jemand, der viel Auto fährt, kann auch Situationen früher und besser abschätzen.

3 Schritte zurück zu den Fakten.
Die Web 2.0 Plattformen sind voll von User-Meinungen, Rezensionen, Berichten etc. Ist eben so.
Einige davon betreffen sogar meine Firma, andere erwähnen mich persönlich und ein paar wenige handeln sogar hauptsächlich von mir. Für manche Menschen wäre das schrecklich, ich für mich hab mich daran gewöhnt.
In dem Nest, in dem ich wohne, erzählt man sich allerlei über mich auch außerhalb des Internets und mir ist auch schon zu Ohren gekommen, dass der Mitbewerb versucht, mich bei meinen Kunden zu diskreditieren. Completely unplugged.
Stünde der Schrott auch im Internet, hätte ich wenigstens die Gelegenheit einer Entgegnung, Klarstellung oder auch Entschuldigung, falls wirklich mal etwas daneben gegangen ist. Eine ehrliche Kritik hat schon immer mehr bewirkt als 1000 Hörensagen und da ist es mir fast egal, ob anonym oder persönlich. Die Anonymität kann hier auch von Vorteil sein, denn es schreibt sich eben leichter in der Deckung und als Unternehmer hab ich bessere Chancen darauf einzugehen. Und falls da jemand wirklich den Rahmen verliert, bleibt immer noch die Möglichkeit der Richtigstellung.
Ja, und da war dann auch noch eine liebe alte schon lange nicht mehr getroffene Bekannte, die meinte, ich wäre seit vielen Jahren geschieden… Auf Facebook hätte sie eine Überraschung erwartet (oder sie hätte den Blödsinn nie geglaubt).

Manipulation….
Zu denken, im Internet wäre viel manipuliert, ist absolut kein Ausdruck eines kritischen Umgangs mit Medien. Was genau es ist, darüber mögen Psychologen urteilen. Eine Manipulation hat üblicherweise Folgendes am Beipackzettel:

  • Eine Absicht - es muss ein Interesse vorhanden sein, etwas in manipulativer Art darzustellen
  • Ein Ziel - eine Manipulation verfolgt einen Zweck, der Leser soll einen bestimmten Eindruck erhalten
  • Ein Unwahrheitsgehalt - Manipulationen arbeiten mit Überbetonungen, Weglassungen und Lügen

Einer durchschnittlichen Web 2.0 User-Meinung – egal worüber – fehlen zumindest 2 dieser Indikatoren. Warum sollte jemand ein Hotel beispielsweise schlechter bewerten, als sie/er es persönlich erlebt hat? Welcher Vorteil? Welcher Zweck? Natürlich kann es bei einem Hotel auch mal vorkommen, dass die Ansprüche nicht erfüllt werden. Ich denke, dass man das dann auch sagen darf. Daran ist nichts Unehrliches oder Unehrenhaftes und darin liegt normalerweise auch keine Schädigungsabsicht.
Wäre ich Hotelmanager, stünde spätestens 24 Stunden nach einer solchen Kritik eine Entschuldigung im Netz, verbunden mit einer Einladung auf ein Wochenende oder sonst ein Goodie.
Und was sehen andere Benutzer dann? Dass ich mit Kritik positiv, offen und konstruktiv umgehe. Und sie werden mich dann eher buchen, als solche, bei denen gar nichts steht.

Was will ich damit sagen? Im Internet bekommt jeder einen Handlungsspielraum, den ich in keinem anderen Medium habe. Versuchen sie dieses Hotelbeispiel mal auf das Fernsehn umzudenken. Mal abgesehen davon, dass sie dafür vermutlich Gerichte bemühen müssten, haben sie wenig Chancen, dass alle Zuseher, welche die Kritik gesehen haben, dann auch später die Richtigstellung sehen. Im Internet ist das protokolliert.
Es mag jetzt zwar für einige widersinnig klingen, aber das ist schon auch ein Stückchen Freiheit. Wenn ich mich in Angst und/oder Ärger vergrabe, habe ich natürlich nichts davon, aber wenn ich mich dazu entschließen kann, aktiv mit diesem Freiraum umzugehen, habe ich eine Vielzahl von Möglichkeiten.
Manipulationsversuche werden hauptsächlich dann eine Rolle spielen, wenn Profitorientierung oder ideologische Zielsetzungen dahinter liegen. Das orte ich vorwiegend beim Oligopol der  Medienbetreiber. Da findet man eine deutlich plausiblere Motivationslage für Manipulationen als anderswo. Die User-Community kann und soll dem medial ein Gegengewicht bieten.

Versuchen sie sich vorzustellen, dass gerade ihre Kritik dazu beiträgt, dass der Hotelbetreiber die richtigen Konsequenzen zieht und morgen sein Service verbessert – er wird sie dafür schätzen. Versuchen sie sich vorzustellen, dass sie plötzlich viel mehr G’spür dafür bekommen, wie ihre Freunde über sie denken, weil sie sehen, wie die Freunde mit ihren Beiträgen auf Facebook, YouTube etc. umgehen, ihre Fotos kommentieren usw. Versuchen sie sich von der seit Jahrzehnten massenmedial eingetrichterten Vorstellung zu befreien, dass sie “eh nichts bewirken” können. Sie können, sie müssen es nur tun. Und versuchen sie sich vorzustellen, um wieviele persönliche Erfahrungen reicher sie werden, wenn ihnen hunderte Berichte anderer zur Verfügung stehen und dass es möglicherweise gerade ihr eigener Bericht ist, der dem netten Paar aus Hintertupfing eine wertvolle Erfahrung bringt.
Solche Dinge liegen nicht allen gleichermaßen, aber diese Buntheit ist eben auch drin. Es ist ein Plädoyer für’s Zulassen und nicht für’s “muss unbedingt mitmachen”.

Wir leben nicht für uns allein, sondern lt. Darwin davon, dass wir unser Erleben weitergeben. Das Internet gibt uns die Gelegenheit dazu, das auf sehr breiter Basis zu tun. Wie intensiv jede/r davon Gebrauch macht, ist ihre/seine Sache. Web 2.0 bietet Chancen, einen evolutionären Schritt vom reinen Konsumverhalten zu einem Partizipationsverhalten zu gehen. Es ist für jede/n einzelne/n genauso gut, wie sie/er es nutzen will. Es gibt keine best practice dafür und darum wohl auch kein Ergebnis der eingangs erwähnten Diskussion.

Nichts liegt am Internet, alles liegt an jeder/m Einzelnen.

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Online-Marketing in Krisenzeiten

17. April 2009

Letztens wurde ich von einer Freundin gefragt, wie sich die derzeitige Wirtschaftskrise auf die Auftragslage unserer Branche auswirkt; insbesondere im Bereich des Online-Marketing. Meine Antwort war im Wesentlichen folgende: Gerade in Krisenzeiten können es sich Unternehmen nicht leisten unsichtbar zu sein. Sie müssen Präsenz zeigen.

Es liegt auf der Hand, dass gerade in Zeiten einer Finanzkrise Umsätze steigen oder zumindest gleichbleiben müssen, um als Unternehmen bestehen zu können. Nun ist allerdings ein Effekt einer solchen Krise der, dass Menschen ungern Geld aus der Hand geben können oder wollen. Dieser Umstand ist auch dadurch bedingt dass es zur Zeit kaum Kredite für Unternehmen gibt. Nun liegt natürlich der Schluss nahe, bestimmte Ausgaben einzuschränken, was nicht selten den Bereich des Marketing trifft. Also schrauben viele Unternehmen diese Aktivitäten zurück und verringern dadurch automatisch ihre Präsenz am Markt, bedingt durch den subtilen Rückgang der Wahrnehmung ihrer Kunden.

Auf den ersten Blick ist die Krise also schlecht für das Geschäft von Unternehmen, deren Dienstleistungsangebot im Marketing angesiedelt ist. Auf den zweiten Blick wird einigen Unternehmen klar, dass gerade jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, sichtbar zu werden. Wo große Konzerne durch ihre starren Strukturen unflexibel sind, können gerade kleine und mittlere Unternehmen Ressourcen freischaufeln, um in Tätigkeiten zu investieren, die ihnen eine bessere Marktstellung verschaffen. Wo Mitbewerber kontinuierlich das Marketing-Budget kürzen, investieren sie gerade jetzt in innovative Positionierungskonzepte. Und dies ist vor allem Online-Marketing. Krisen sind nicht bloß Gefahren, sie sind vor allem Chancen. Chancen für jene, die kreativ und intelligent damit umgehen.

Gerade Online-Marketing bietet diesbezüglich enorme Vorteile. So haben viele Online-Marketing-Maßnahmen ein ausgesprochen gutes Preis-Leistungsverhältnis und sind äußerst effizient: Gut gemachte Virals generierten nicht selten exponentiell steigende Zugriffszahlen auf den assoziierten Webseiten. Community-involvierende Maßnahmen wie Corporate Blogging oder Social Networking binden gezielt und nachhaltig Kunden und Partner an das Unternehmen und vermitteln einen positiven, jungen und innovativen Eindruck über selbiges. Suchmaschinenoptimierung lenkt umsatzrelevanten Traffic von Suchmaschinen auf die eigene Seite. Das sind potentielle Kunden, die bereits am Produkt/Dienstleistung interessiert sind und knapp vor der Kaufentscheidung stehen. Conversion Rate-Optimierungen verhelfen Shops und Bestellseiten zu größerer Verkaufseffizienz. Mash-Ups und Web 2.0-Applikationen wie Facebook Apps, sowie Content Syndication Szenarios greifen auf bestehende Communities und potentielle Absatzkanäle zurück. Emotionalisierte Weboberflächen und Medien vermitteln ein positives Image und steigern so auf angenehme, subtile Weise den Absatz. Und natürlich lassen sich dem noch sämtliche allgemeine Vorteile des Mediums Internet hinzufügen. Beispielsweise der weltweite Einzugsbereich potentieller Kunden, um nur einen Aspekt zu nennen.

Nun läßt sich – um auf die anfängliche Frage zurückzukommen – folgende Aussage treffen: Es entsteht ein Shift der Ausgaben: Auf der einen Seite kürzen viele Unternehmen ihre allgemeinen Marketing-Ausgaben, auf der anderen Seite entdecken viele kleine und mittlere Unternehmen das Potential von innovativen Online-Marketing-Aktivitäten. Das merken wir auch bei unserer Auftragslage: Wir können uns nicht beklagen. ;-)

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Politik und Social Networks

3. Oktober 2008

Österreich durfte letzten Sonntag wieder einen neuen Nationalrat wählen. Das Ergebnis ist ja hinlänglich bekannt.

Durch den Umstand, dass erstmalig auch 16-jährige wählen durften, entstand in den wahlwerbenden Parteien wohl eine Art Zwang, sich diverser Kommunikationskanäle zu bedienen, welche man der Zielgruppe “Jugend” zugeordnet hat. Spitzenkandidaten bloggten, twitterten, chatteten youtube-ten und überschwemmten so manchen mit mails, Greeting-Cards und sonst noch allerlei vermeintlichen Goodies. Manche waren bereits so massiv überviralisiert, dass man den Eindruck bekam, dass es sich um den politischen Gegner handle ;-) , was sich sogar in einigen Plakaten niederschlug.

Es gibt nur eine Bezeichnung für die Art, wie österreichische Parteien mit neuen Medien und besonders neuen Kommunikationsgepflogenheiten umgehen:

ES IST PEINLICH !

Bitte, bitte sofort einstellen. Wenn jemand so eindrucksvoll dokumentiert, wie wenig er in der Welt von heute Fuß fassen kann, sollte er sich nicht um demokratische Legitimation seiner Ahnungslosigkeit bemühen. Ich möchte dem Leser die gesammelten Dämlichkeiten hier ersparen – wen’s interessiert, der möge sich diesen Schrott ergoogeln. Ich möchte hier nur prinzipiell und kurz anreißen, was extrem schief gegangen ist, was für Social Networks unverzichtbar ist und warum sich die aktuelle politische Kultur mit der heutigen Kommunikations- und Sozialkultur spießt.

1. Authentizität

Kaum ein Spitzenpolitiker hat je an seinem Blog selbst geschrieben. Jeder, der es liest und nicht völlig abgestumpft ist, merkt das nach wenigen Sekunden. Die Blogs stecken voller uninteressanter, dümmlicher “ich-weiß-eigentlich-eh-nicht-was-ich-hier-schreiben-soll” Postings, die allesamt aus den Tasten irgendwelcher namenloser Wahlkampfhelfer stammen. Man merkt das Ringen um die Zwanghaftigkeit hier was posten zu müssen, das jemanden dazu bewegen könnte KandidatIn XY “cool” zu finden. Weit und breit nichts, was XY wirklich bewegt, wie der Typ tickt, was ihm Sorgen bereitet, welche Lösungen ihm durch den Kopf gehen. Nichts. Seitenweise nichts sagendes Placebo. Bei den Massen an Schwachsinn bringt nicht mal die Erkenntnis Trost, dass die neuen Entwicklungen zumindest wahr genommen wurden – wurden sie nämlich nicht und noch weniger verstanden. Möglicherweise haben viele Politiker ihre Blogs gar nie gesehen, denn sonst hätten sie sie abgedreht.
Aber es ist eben derzeit nicht politische Kultur etwas selbst und authentisch zu tun. Man lässt tun und steckt sich einen Orden dafür an.

2. Ehrlichkeit

Sehen wir mal davon ab, dass es bereits unehrlich ist, seinen Blog nicht selbst zu schreiben, die Helfer in seinem Namen chatten zu lassen und dgl., gab es in den diversen Foren von Zeitungen und anderen Medien massenweise Auftragspostings, die teilweise extrem geschmacklos den politischen Kontrahenten attackierten. Das ist zwar relativ bald durchschaubar und man weiß schnell, wer hier gedungen ist und wer seine freie Meinung postet, aber allein der Umstand, dass man unter irgendwelchen Nicknames Lügen und Schauergeschichten verbreitet und belegbare Tatsachen gezielt bestreitet, ergibt kein brauchbares Sittenbild von unseren Volksvertretern. Derartiges auch nur in Erwägung zu ziehen und überhaupt dann zuzulassen ist unabhängig vom Unverständnis der Social Networks schlicht würdelos, feige und anti-demokratisch. Wem in der politischen Auseinandersetzung die Argumente ausgehen und dem dann nichts besseres einfällt, als unter einem Pseudonym auf die geschmacklosesete Weise Lügen zu verbreiten, der dokumentiert in den Social Networks seine Unwählbarkeit umso besser. Und auch nachvollziehbarer. Kann man auch bei der nächsten Wahl vermutlich noch nachschlagen.

3. Keule vs. Subtilität

Ein Video auf YouTube mit Parteilogo und “Dein Spitzenkandidat spricht zu dir” Inhalt ist NICHT virales Marketing. Auch ein Schmäh-Video über McCaine nicht, wo dann Obama in den letzten 4 Sekunden seinen Sanktus dazu gibt. Subtilität und politische Agitation sind in der aktuellen Situation der Parteien-dominierten politischen Kultur weitgehend unvereinbar. Virales Marketing arbeitet aber größtenteils über subtil bis unterhaltsam kommunizierte und mit dem Produkt in Verbindung gebrachte Wirkungen und nicht mit gehirnwäscheartiger Wiederholung von Symbolen und Begriffen. “That sucks” würde Obama vielleicht sagen.
Rein systemisch haben wir es hier gleich mit 2 Schwellen zu tun: Zum einen kommuniziert Politik aus Selbstschutz nie seine wahre Wirkung und hat dabei noch keine brauchbaren Ausdrucksformen für Virales gefunden und zum anderen sind Politiker viel zu eitel um im Sinne guter viraler Kommunikation in den Hintergrund treten zu können. Politiker wollen nicht sympathisch sein, sondern staatstragend und respektiert bis gefürchtet werden. Das passt nicht zur notwendigen Selbstironie des viralen Marketings.

4. Hang zur Einfärbigkeit

Das heutige Verständnis von politischer Relevanz ist geprägt von dem Bestreben, die eigene Linie, eigentlich Partei, als den einzig richtigen Weg der Gesellschaft aufzuzwingen. Das steht in natürlichem Gegensatz zur Buntheit und Vielfalt der Social Networks. Der Verlust an Streitkultur und Auseinandersetzungsqualität ist ein grundsätzliches strukturelles Problem der Politik im Allgemeinen und hat wesentlich damit zu tun, dass in den Wohlfahrtsstaaten kaum mehr ideologische Zwischenpositionen übrig geblieben sind und daher entweder virtuelle (weil realpolitisch nicht durchführbare) Extrempositionen bezogen werden oder sich ein krankhafter Verdrängungskampf zwischen historischen Parteien um die gleichen Positionen entwickelt hat.
Die Welt der Social Networks ist im Grunde anarchistisch (in einem sehr konstruktiven und positiven Sinne) und mit der extrem hierarchisch gegliederten Parteienorganisation inkompatibel. Es gibt mMn. ein fast unüberbrückbares Kultur-Verständis Problem, denn Social Networks sind nicht nur einfach Playground für die politischen Spielchen wie die Medien bisher. Social Networks leben und reinigen sich auch selbst.

Meine persönliche Vermutung ist, dass die Politik und vor allem die Parteien sich grundlegend ändern werden müssen, wollen sie nur halbwegs gut in das Bild moderner Social Networks passen. Aber ich weine der aktuellen politischen Kultur keine Träne nach – ist schon ganz gut, wenn sich da etwas ändert. Vielleicht bekommt der Begriff “Politische Verantwortung” dann auch wirklich mal den Charakter von Verantwortung…

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