Am Wochenende wurde diskutiert. Segen und Fluch des Internets bzw. Web 2.0 könnte man titulieren.
Heute im Büro hab ich das Thema auch aufgeworfen und bevor ich alle mit einem Protokoll langweile, möchte ich zuerst ein paar typische Aussagen widergeben und danach ein wenig interpretieren und schlussfolgern.
- Eine einzige negative User-Meinung über ein Hotel oder ein Restaurant verunsichert mich bereits. Wenn da 3 positive und eine negative Rezension stehen, beeinflusst mich die negative mehr, als die positiven.
- Wenn mich positive Meinungen mehr beeinflussen, als negative, liegt das aber am Umgang mit Meinungen und nicht daran, dass diese Meinungen wo zugänglich sind.
- Viele posten anonym und können aus ihrem “Versteck” unbehelligt Schaden anrichten, was sie real nicht tun könnten.
- Ich will überhaupt nicht in Social Networks präsent sein. Ich will nicht, dass irgendwer über mich erfahren kann, bei welcher Party ich war, welche Freunde ich hab, welche Interessen usw.
- Ich kann aber nicht verhindern, dass Dinge über mich im Internet stehen. Tu ich es selbst, habe ich bessere Kontrolle darüber.
- Das Internet ist extrem anfällig für Manipulationen. Da ist persönlicher Willkür Tür und Tor geöffnet und man weiß nie mit welchen Intentionen wer was postet. Dadurch, dass alles öffentlich ist, entsteht der Eindruck von Wahrheit, die aber bestenfalls subjektiv sein kann und in vielen Fällen bestimmte Absichten verfolgt.
- Das Internet bietet für jede beliebige Information eine Vielzahl von Quellen und kann daher wesentlich besser zur Objektivierung einer Sache herangezogen werden, als klassische Sende-Medien und oft damit verbundene Medienmonopole.
- Ich lese aber sowieso nicht hundert Quellen, sondern maximal 2 oder 3
- Ich kann mir aber für jedes beliebige Themengebiet die relevantesten Informationsquellen mit wenigen Klicks aussuchen.
- Das interaktive Internet wird unsere gesamte soziale, wirtschaftliche und politische Kommunikation und Struktur ändern. Aussagen und Versprechen werden überprüfbarer, nachvollziehbarer und authentischer.
- Die Fülle an Beiträgen führt zur Übersättigung. Man kann ja eh nicht alles lesen und im Endeffekt pickt man sich eh das heraus, was das bestätigt, das man schon vorher vorgezogen hat.
Eines vorab:
Jede Grundeinstellung hat halt so seine Argumentationslage. Wenn man sich eher zu den Internet-Skeptikern zählt, wird man vorwiegend Gefahrenmomente und Nachteile auf den Tisch legen, fühlt man sich eher Internet-affin, fokussiert man auf Vorteile.
Nur…. das ist nicht nur beim Internet so, sondern bei fast allem im Leben.
Vor 200 Jahren hatten wir ähnliche Diskussionen über die Sinnhaftigkeit des elektrischen Stroms, und vor ein paar Jahrzehnten ähnliches zum Thema Fernsehn.
Ein Blick auf die Bedürfnispyramide liefert einen Hinweis, warum das so sein könnte:
Sicherheit kommt vor den sozialen Bedürfnissen. Sprich: Das Internet als sozialen Erlebnisraum zu nutzen wird ein Individuum erst dann in Betracht ziehen, wenn das Vertrauen darin ausreicht. Misstrauen und Nutzungsverweigerung gehen dabei Hand in Hand und jeder darf sich jetzt selbst die Henne-Ei-Frage beantworten.
Der entscheidende Faktor ist – wie in jedem Bereich – die zu tiefst persönliche Art und Weise, wie mit Neuem, Ungewohntem und Selbstdefinierendem umgegangen wird und hier gibt es eben eher offensiv oder eher defensiv angelegte Leute.
Egal, wohin man tendiert, wir alle haben gelernt, unsere Entscheidungen rational und mit vielen Beispielen belegt zu begründen. Meist sind die Argumente aber nicht die Grundlage der Entscheidung, sondern die Entscheidung ist der Ausgangspunkt ihrer Begründungen. Die wahre Entscheidungsgrundlage bei der Internetnutzung ist meiner Meinung nach der intuitiv vorhandene Vertrauensaspekt.
“Es könnt auch alles ganz anders oder sogar verkehrt herum sein” hat Konrad Lorenz mal über den Erziehungsstil seines Vaters resümiert. Für mich als Internetisten gilt das ganz besonders und gerade die Vielfalt der Quellen und Informationen verpflichtet mich zu kritischer Analyse, zu Vergleichen und zur Prüfung. Ich mach das automatisch, weil es zu meinem Beruf gehört und weil es sich aus der Erfahrung so entwickelt hat. Jemand, der viel Auto fährt, kann auch Situationen früher und besser abschätzen.
3 Schritte zurück zu den Fakten.
Die Web 2.0 Plattformen sind voll von User-Meinungen, Rezensionen, Berichten etc. Ist eben so.
Einige davon betreffen sogar meine Firma, andere erwähnen mich persönlich und ein paar wenige handeln sogar hauptsächlich von mir. Für manche Menschen wäre das schrecklich, ich für mich hab mich daran gewöhnt.
In dem Nest, in dem ich wohne, erzählt man sich allerlei über mich auch außerhalb des Internets und mir ist auch schon zu Ohren gekommen, dass der Mitbewerb versucht, mich bei meinen Kunden zu diskreditieren. Completely unplugged.
Stünde der Schrott auch im Internet, hätte ich wenigstens die Gelegenheit einer Entgegnung, Klarstellung oder auch Entschuldigung, falls wirklich mal etwas daneben gegangen ist. Eine ehrliche Kritik hat schon immer mehr bewirkt als 1000 Hörensagen und da ist es mir fast egal, ob anonym oder persönlich. Die Anonymität kann hier auch von Vorteil sein, denn es schreibt sich eben leichter in der Deckung und als Unternehmer hab ich bessere Chancen darauf einzugehen. Und falls da jemand wirklich den Rahmen verliert, bleibt immer noch die Möglichkeit der Richtigstellung.
Ja, und da war dann auch noch eine liebe alte schon lange nicht mehr getroffene Bekannte, die meinte, ich wäre seit vielen Jahren geschieden… Auf Facebook hätte sie eine Überraschung erwartet (oder sie hätte den Blödsinn nie geglaubt).
Manipulation….
Zu denken, im Internet wäre viel manipuliert, ist absolut kein Ausdruck eines kritischen Umgangs mit Medien. Was genau es ist, darüber mögen Psychologen urteilen. Eine Manipulation hat üblicherweise Folgendes am Beipackzettel:
- Eine Absicht - es muss ein Interesse vorhanden sein, etwas in manipulativer Art darzustellen
- Ein Ziel - eine Manipulation verfolgt einen Zweck, der Leser soll einen bestimmten Eindruck erhalten
- Ein Unwahrheitsgehalt - Manipulationen arbeiten mit Überbetonungen, Weglassungen und Lügen
Einer durchschnittlichen Web 2.0 User-Meinung – egal worüber – fehlen zumindest 2 dieser Indikatoren. Warum sollte jemand ein Hotel beispielsweise schlechter bewerten, als sie/er es persönlich erlebt hat? Welcher Vorteil? Welcher Zweck? Natürlich kann es bei einem Hotel auch mal vorkommen, dass die Ansprüche nicht erfüllt werden. Ich denke, dass man das dann auch sagen darf. Daran ist nichts Unehrliches oder Unehrenhaftes und darin liegt normalerweise auch keine Schädigungsabsicht.
Wäre ich Hotelmanager, stünde spätestens 24 Stunden nach einer solchen Kritik eine Entschuldigung im Netz, verbunden mit einer Einladung auf ein Wochenende oder sonst ein Goodie.
Und was sehen andere Benutzer dann? Dass ich mit Kritik positiv, offen und konstruktiv umgehe. Und sie werden mich dann eher buchen, als solche, bei denen gar nichts steht.
Was will ich damit sagen? Im Internet bekommt jeder einen Handlungsspielraum, den ich in keinem anderen Medium habe. Versuchen sie dieses Hotelbeispiel mal auf das Fernsehn umzudenken. Mal abgesehen davon, dass sie dafür vermutlich Gerichte bemühen müssten, haben sie wenig Chancen, dass alle Zuseher, welche die Kritik gesehen haben, dann auch später die Richtigstellung sehen. Im Internet ist das protokolliert.
Es mag jetzt zwar für einige widersinnig klingen, aber das ist schon auch ein Stückchen Freiheit. Wenn ich mich in Angst und/oder Ärger vergrabe, habe ich natürlich nichts davon, aber wenn ich mich dazu entschließen kann, aktiv mit diesem Freiraum umzugehen, habe ich eine Vielzahl von Möglichkeiten.
Manipulationsversuche werden hauptsächlich dann eine Rolle spielen, wenn Profitorientierung oder ideologische Zielsetzungen dahinter liegen. Das orte ich vorwiegend beim Oligopol der Medienbetreiber. Da findet man eine deutlich plausiblere Motivationslage für Manipulationen als anderswo. Die User-Community kann und soll dem medial ein Gegengewicht bieten.
Versuchen sie sich vorzustellen, dass gerade ihre Kritik dazu beiträgt, dass der Hotelbetreiber die richtigen Konsequenzen zieht und morgen sein Service verbessert – er wird sie dafür schätzen. Versuchen sie sich vorzustellen, dass sie plötzlich viel mehr G’spür dafür bekommen, wie ihre Freunde über sie denken, weil sie sehen, wie die Freunde mit ihren Beiträgen auf Facebook, YouTube etc. umgehen, ihre Fotos kommentieren usw. Versuchen sie sich von der seit Jahrzehnten massenmedial eingetrichterten Vorstellung zu befreien, dass sie “eh nichts bewirken” können. Sie können, sie müssen es nur tun. Und versuchen sie sich vorzustellen, um wieviele persönliche Erfahrungen reicher sie werden, wenn ihnen hunderte Berichte anderer zur Verfügung stehen und dass es möglicherweise gerade ihr eigener Bericht ist, der dem netten Paar aus Hintertupfing eine wertvolle Erfahrung bringt.
Solche Dinge liegen nicht allen gleichermaßen, aber diese Buntheit ist eben auch drin. Es ist ein Plädoyer für’s Zulassen und nicht für’s “muss unbedingt mitmachen”.
Wir leben nicht für uns allein, sondern lt. Darwin davon, dass wir unser Erleben weitergeben. Das Internet gibt uns die Gelegenheit dazu, das auf sehr breiter Basis zu tun. Wie intensiv jede/r davon Gebrauch macht, ist ihre/seine Sache. Web 2.0 bietet Chancen, einen evolutionären Schritt vom reinen Konsumverhalten zu einem Partizipationsverhalten zu gehen. Es ist für jede/n einzelne/n genauso gut, wie sie/er es nutzen will. Es gibt keine best practice dafür und darum wohl auch kein Ergebnis der eingangs erwähnten Diskussion.
Nichts liegt am Internet, alles liegt an jeder/m Einzelnen.

Gender Mainstreaming
T.U.B